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Russland

Stoßtruppunternehmen "Wien"
 


Der Kampfschauplatz der 9. Kompanie bei Virigino südlich von Rshew und Subzow. Foto GP. 2012.
 

 
     


Angriff

Die Nacht war wie die vorangegangenen Nächte klirrend kalt. Der Winter begann sich durchzusetzen. Schnee war noch nicht gefallen, aber weißer Raureif überzog am Morgen die Natur. Sie waren bereits im Dunkeln aufgestanden und hatten im frühesten Morgenlicht ihre letzten Essensreste verspeist.
„Wir haben nicht so viel im Magen“, meinte einer, „wenn wir jetzt einen Bauchschuss kriegen, sterben wir nicht so schnell.“
Das war ein ständiges Thema in allen Schützengräben: Isst man vor einem Angriff viel, ist man gestärkt und hält lange durch. Kriegt man dann jedoch einen Bauchschuss, und das Essen quillt in den Bauchraum, stirbt man schnell an einer Sepsis. Isst man hingegen wenig, ist man zwar geschwächt, hat aber bei einem Bauchschuss bessere Überlebenschancen.
Eine medizinisch fundierte Interpretation hatte es nie bis in die Schützengräben gebracht. Vermutlich deshalb, weil ein Bauchschuss immer tödlich endete.

Die Männer standen in voller Montur bereit:. Jeder hielt sein Gewehr oder seine Maschinenpistole bereit. Die „Sprengleute“ hatten ihre Waffe umgehängt, damit sie die Hände freihatten für die Dynamitstangen und Handgranaten. Die frühe Morgenluft war eiskalt und kühlte die angsterfüllten Körper. Wenn man jetzt bloß eine Kippe rauchen dürfte! Der Helm saß eiskalt auf dem Schädel und die Sicht- und Hörqualität waren eingeschränkt.
Der Artilleriehauptmann und mehrere Nachrichtentechniker richteten sich im Graben von Clemens ein. Sie bauten ein Feldtelefon auf und stellten die Verbindung zum Artilleriechef her. Mit dem Feldstecher sondierte der Hauptmann vorsichtig die gegnerische Landschaft.
„Sie hören auf mein Kommando!“ wies der Artillerie-Offizier die Infanteristen ein.
„Ich sage ihnen, wann der Angriff losgeht. Erst bei meinem Kommando springen sie aus den Gräben! Sobald sie draußen sind, folgen sie dem Kommando ihres Gruppenführers.“

Vertrauen war gefordert. Das Artilleriefeuer begann und punktete die russische Stellung vor ihnen ab. Der Hauptmann war in Telefonkontakt mit seiner Stellung. Die letzten Artillerieschüsse waren noch in der Luft, als er den Männern das Kommando zum Angriff gab.
Schnell sprangen sie aus den Gräben und hechteten auf ihr Ziel los. Jeder wusste, was er zu tun hatte. Jeder kannte sein Ziel.
Zum ersten Mal betraten sie das Gelände vor den Gräben, eine Lichtung mit fahlen Grasstauden. Der Boden war entsprechend uneben und auch das schnelle Sprinten war man nicht mehr gewohnt. Es war nur das Adrenalin, das die Männer wie behände Gazellen über den Acker jagte. Gelegentlich krachte das Eis in den gefrorenen Pfützen und schmatzend tauchte der Stiefel in den Morast. Zack, zack, weiter. Bloß nicht stolpern. Füße hoch.

Die Russen verharrten in ihrer Deckung. Jeder Soldat, ob Russe oder Deutscher, wusste, dass immer ein Angriff bevorstand, wenn die feindliche Artillerie ihn in Deckung hielt. Aber was blieb ihm anderes übrig, als sich tief runter in den Graben zu kauern und abzuwarten, bis die Granatgeschosse aufhörten. Da war es dann zu spät! Die Russen wurden von den Deutschen überrascht.

Wie geplant rannte die linke Gruppe zu den Bunkern und warf Handgranaten rein. Auf dem Rückweg zündete ein Gefreiter eine 3-Kilobombe, bestehend aus zusammen gebundenen Dynamitstangen, und sprengte damit die ganze Unterkunft in die Luft.
Zeitgleich raste die Gruppe von Clemens zum Hauptgraben, um ebenfalls Handgranaten rein zu werfen. Kurz vor dem Graben schlug Clemens der Länge nach hin.
Getroffen!!!
Schock!!!
Sein Herz raste und sein Blut war aus dem Gesicht gewichen.
Er sprang hoch, alles funktionierte. Gott sei Dank. Da erblickte er den tückischen Stolperdraht, den die Russen vor ihrem Graben gespannt hatten. Er hatte seine Wirkung erzielt.
Clemens weiter.
Handgranaten in den Schützengraben. Ob Leute drin saßen, konnte er nicht erkennen.

Plötzlich tauchten im Hintergrund neue russische Soldaten auf.  Sie waren aus einer zweiten Reihe Gräben raus gesprungen und rasten voll bewaffnet auf die Deutschen zu.
Clemens schoss panisch mit seiner Maschinenpistole auf die ranflatternden  Russen. Wie durch ein Wunder liefen die Russen unverletzt weiter auf sie zu.
Was war denn hier los?
Schock!
Im Nachhinein lässt sich das gut erklären: Der Patronenhersteller hatte mit Schießpulver gegeizt und die Hülsen nicht voll geladen. Der Produzent verdiente zwar den vollen Preis an der Ware, aber die armen Schweine an der Front verteidigten sich mit harmlosen Geschossen.

Wie aufgeschreckte Hornissen stürmten immer mehr Russen aus ihren Löchern im rückwärtigen Feld nach vorne. Sie schossen wie wild.
Es war für die Deutschen aussichtslos, ein Gefecht anzufangen.
Man hatte keine Deckung und nicht genug Munition am Leib.
Mittlerweile hatte ein bärengroßer Russe Clemens in einen Nahkampf verwickelt. Er quetschte den deutschen Hänfling zwischen seine gewaltigen Arme und hievte ihn hoch. Clemens konnte sich nicht rühren, geschweige ihn überwältigen. Um diesen Gladiator als Gefangenen auf die deutsche Seite abzuschleppen, hätte man mindestens fünf Männer gebraucht.
„Schieß doch!“, schrie Clemens zu seinem Kameraden, der sich in den Ringkampf einmischte. Tatsächlich hatte sich der Mann auf einen „fairen“ Kampf einlassen wollen. Wie naiv! Aber das Töten und Erschlagen war bereits seit vielen Generationen aus dem Leben verbannt. Diese Situation konnte man unmöglich in der  Garnison lehren. Das Hieben und Stechen vor Ort war eine neue Erfahrung.
Panisch riss der Soldat sein Gewehr hoch und schoss dem mächtigen Russen ins Gehirn. Dabei entlud sich der Schuss genau neben dem Kopf von Clemens. Der Knall war ohrenbetäubend.
Der Russe wankte und seine Arme erschlafften.
Clemens wand sich aus der Umklammerung raus.
Sein rechtes Ohr war taub. Und plötzlich sah er jede Bewegung nur noch in Zeitlupe. Er erkannte, wie unendlich viele Russen aus dem Hinterland auf ihn zuströmten. Alles in slow motion.
Flucht war angesagt.
Sofort rannte er zurück über das Niemandsland.
Auch seine Männer rasten zurück zu den heimischen Gräben. Jetzt waren die Deutschen die Gejagten. Ob jemand verletzt oder getötet zurückblieb, konnte man nicht erkennen, da in der hohen Geschwindigkeit der Blickwinkel nur noch für die eigene Person ausreichte.
Ein letzter rettender Sprung in den Graben.
Atemlos hockten die Männer im Erdreich und beteten für bessere Zeiten.

Die Russen regneten sie sofort mit Granaten ein.
Clemens dachte noch immer geschockt darüber nach, dass die Russen schier endlos viele Soldaten in den Schützengräben zweiter und dritter Reihe hatten. Wenn sie jetzt bei ihm im Graben einbrechen würden, würden sie garantiert keine Hilfe bekommen. Denn bei den Deutschen gab es keine zweite und dritte Reihe.
Den Deutschen fehlten Soldaten!!!


Jessie Owens

Ohne Pause donnerten die russischen Geschosse aus den Granatwerfern und den Artilleriebatterien. Die Granaten explodierten ringsum.
Clemens’ Ohr schmerzte und im Gehirn vernahm er einen Dauerton. Mit Sicherheit war sein Trommelfell geplatzt.
Das Telefon klingelte.
Der Artilleriehauptmann nahm den Hörer und reichte ihn an Clemens weiter mit dem Hinweis:
„Der Bataillonskommandant, für Sie!“
„Wie viele Gefangene haben Sie gemacht?“, fragte er Clemens.
„Keinen.“
„Dann gehen Sie noch mal los und holen sich ein paar Russen!“
Der Mann macht Witze, dachte Clemens.
„Das geht nicht, wir sind jetzt von gegnerischem Feuer vollends eingedeckt.“
„Wie weit ist es bis zum Feind?“, kam seine Frage.
„50 Meter.“
„Wie schnell ist Jesse Owens bei der Olympiade die 100 Meter-Strecke gelaufen? Hier sind es nur 50 Meter und ich gebe Ihnen die gleiche Zeit!“
War Clemens zuerst verblüfft gewesen, so wechselte seine Stimmung in pure Wut.
„Wenn Sie darauf bestehen, dann mache ich es. Aber ich komme nicht mehr zurück!“
„Sie kommen jetzt sofort zu meinem Standort!“, herrschte er ihn an.
Und Clemens im gleichen Ton:
„Später, geht jetzt nicht, können uns vor Granateinschlägen nicht bewegen. Ich gebe Ihnen den Artilleriehauptmann, der wird Ihnen das Gleiche sagen.“
Clemens reichte den Hörer an den Hauptmann weiter, der das Gespräch verfolgt hatte. Der Mann  war kreidebleich im Gesicht und zitterte am ganzen Leib.
„Es stimmt“, hechelte er atemlos in den Apparat, „es ist unmöglich hier raus zu kommen.“
Was bildete sich der Bataillonskommandeur ein? Saß hinten im Trockenen und kommandierte per Telefon, wann, wie und wie viele Gefangene Clemens im feindlichen Granathagel abschleppen sollte. Clemens war außer sich. Sein Adrenalin war bis in die Haarwurzel gepumpt.

Clemens schaute sich nach seinen Leuten um. Alle waren zurückgekommen. Keiner verletzt. Gott sei Dank. Wo war Goedecker, sein Posten? Er kroch zu ihm hin.
Zusammengesunken lag er reglos auf dem Boden, Blut sickerte durch seine Kleidung, der Körper war entstellt. Er atmete nicht mehr.
Der Mann, der sich noch am Abend aus dem Stoßtruppunternehmen abgesagt hatte, lag tot vor ihm.
Ein Granatgeschoss hatte ihn hingerichtet.
Hatte er sie beobachtet und den Kopf zu weit hoch gestreckt? Hatte er sich zu sicher im Graben gefühlt?
Clemens war zutiefst betroffen. Der Mann hatte die Sicherheit gewählt und war doch umgekommen. Das Überleben war ein Zufall.

 

 

 

 

 

Der Artillerist beobachtet die Einschläge der Granaten bei den gegnerischen Gräben. Er gibt die Korrekturen durch seinen Funker an die Artilleristen an den Kanonen weiter. Der Granathagel hält den Gegner in Deckung, während die eigenen Leute über das Niemandsland rennen. Dann stoppt die Artillerie ihr Feuer und der Nahkampf beginnt.
Aufnahme in der Nacht. 1943. Fotograf: Henisch. Bundesarchiv. Bild 101I-198-1363-29A.


Anklage wegen Befehlsverweigerung?
Die russische Artillerie verhagelte die Stellungen. Die Männer kauerten in Deckung und hofften, dass keine Granate in den Graben einschlagen würde. Immerhin hatte es ja schon den Posten erwischt. Der Artillerist mit seinem tragbaren Telefon saß wie alle angenagelt im Graben.
Es kam ihnen wie eine endlos lange Zeit vor.
Als es ruhiger wurde, nahm Clemens seine Maschinenpistole und machte sich auf den Weg zum Bataillonskommandanten.
Was hatte der Kommandant mit ihm vor?
Anklage wegen Befehlsverweigerung?
Weil er nicht wie Jessie Owens die 50 Meter zum Feind rübergeflitzt war und auf dem Rückweg noch einen Russen unterm Arm abgeschleppt hatte?
Wollte er ihn wegen Befehlsverweigerung erschießen lassen?
Beim Überspringen eines Baches brach Clemens auf dem Eis ein und sofort ergoss sich das kalte Wasser in seinen Stiefel. Er war gereizt. Schnell zog er den Stiefel aus und schüttete das Wasser aus.
Was dachte sich der Bataillonskommandeur?
Glaubt er, die Russen ließen sich handzahm von den Deutschen wegtragen?
Clemens dachte an den riesigen Russen, der ihn zusammen gequetscht hatte. Um ein Haar wäre er von dem Russen abgeschleppt worden.
Noch unter dem Eindruck des Angriffes packte Clemens seine Maschinenpistole fester in die Hand.
„Wenn er mir jetzt befiehlt, die Waffe abzugeben, dann niete ich ihn um. Und mit ihm jeden, der in der Unterkunft ist.“
Es gab ein Gesetz im Frontgebiet: Wenn ein Soldat den Befehl erhielt, seine Waffe abzugeben, dann war das gleichbedeutend mit Entehrung und man galt als Kriegsverbrecher. Dem würde die Todesstrafe folgen.
„Ich habe situationsgerecht gehandelt“, machte sich Clemens klar. „Wenn dieser Narr mich opfern will, dann ist er zuerst dran!“
Sein rechtes Ohr war nach wie vor taub und er hörte sein eigenes Atmen.
Abgehetzt erreichte er den Bunker.

Bevor er eintrat, bat er einen Unteroffizier um Zeitungspapier, um seinen nassen Stiefel von innen zu trocknen.
„Haben wir nicht“, kam die patzige Antwort, was seine Rage neu entfachte.
Clemens trat in den Erdbunker, seine Waffe fest in der Hand.
Da saßen mehrere Offiziere gemütlich am Tisch und tranken Kaffee. Die Reste eines Frühstücks zierten die Tafel. Die Stimmung schien gut zu sein. Aufgeräumt und nett, in allem eine gepflegte Männerrunde.
Der Bataillonschef kam auf Clemens zu.
Sie musterten sich in Bruchteilen von Sekunden.
Clemens stand da in schmutziger Kleidung und Stiefeln, ausgehungert und unterkühlt.
„Sag nur ein falsches Wort“, dachte Clemens "und das war dein letzter Kaffee im Leben."
Der Bataillonskommandeur kam näher.
Die Spannung stand im Raum.
Er schien die Gedanken von Clemens zu lesen.
"Sie sind ja ein teufelsfrecher Kerl!" wendete er das Blatt. "Aber recht haben Sie!"
Langsam schritt er zur Kaffeetafel zurück.
Bedeutungsvoll wendete er sich zurück:
„Wir müssen dem Feind an der Klinge bleiben!
Abtreten!“

Clemens zog sich zurück. Sein Magen knurrte. Der Kaffeeduft hing noch in seiner Nase.
Hätten die Kerle ihm nicht eine Tasse Kaffee anbieten können?!
Mit dem nassen Strumpf im nassen Stiefel wanderte er zurück. Er zupfte trockenes ausgedörrtes Gras vom Boden und polsterte den Stiefel damit aus. Den nassen Strumpf knotete er zum Trocknen an seinen Gürtel.
Innerlich tobte er. „Wir müssen dem Feind an der Klinge bleiben! Was für ein idiotischer Spruch! Wir sind doch nicht im Mittelalter! Wo kämpft der denn?!“ Offensichtlich am Kaffeetisch.
Wenn schon die ganze Lebenssituation so ungemütlich war, empfing ihn wenigstens seine Gruppe mit warmer Zuneigung.



Deutscher Graben aus der oben beschriebenen Situation. Der Frontabschnitt wurde mit Hilfe einer detaillierten militärischen Karte der 95. ID rekonstruiert. Hilfreich war das Wissen, dass die Gruppe die letzte in der Kette der Division war und an eine andere Division angrenzte.
Fotografiert auf den Tag genau 70 Jahre später im November 2012. Foto GP.
 


Nachschubweg im Wald der 95. ID an oben beschriebener Stelle. Foto GP, 2012.



 

   
         
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