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Wie alles begann
 

Die Kriegsneurotiker
Clemens war der ungeschlagene Meister seiner Erinnerung. Ungefragt spulten sich seine Filme in jede Alltagsszene hinein.
„Ich hab wieder vom Krieg geträumt“, japste er regelmäßig beim Frühstück. „Die Russen waren hinter mir her.“
Oder einmal im Jahr legte ihn die Malaria flach.
„Das ist das wolhynische Fieber“, hieß es dann. „Aus Russland.“

Und dann gab es eine Krankheit, die bis heute, gut 60 Jahre nach dem Krieg noch nicht abgeflaut ist: Der Zwang, die Kriegserlebnisse mit filmischer Überschärfe zu erzählen und dies immer wieder, immer wieder, immer wieder, immer wieder.

Für Clemens war der Krieg nie zu Ende. Er trug die Bilder und Emotionen wie einen Buckel hinter sich her. Dieser Nachtmahr saß ihm auf den Schultern und piesackte ihn bis unter die Haarwurzel. Es war meist an einem langen Abend, wenn die Kriegsfilme hoch fluteten. Dann erzählte er uns alles bis ins kleinste Detail. Um die Zunge zu ölen, floss reichlich Wein die Kehle runter. Das Drama nahm kein Ende.

Dann kam die Stunde des Beweises: das Fotoalbum mit Bildern seines Feldzuges nach Russland und in die Normandie. Seine Erklärungen zu den Bildern waren sachlich und informativ. Sie waren intelligente und distanzierte Beschreibungen eines Kriegsmannes.

Caesar hätte es nicht besser notieren können. Über den Fakten tobte jedoch ein emotionaler Orkan. Mit der Expressivität eines auf  volle Stärke gestellten Heißluftföns pustete er seine Gefühle durch den Raum. An erster Stelle donnert Entsetzen durch seinen Körper. Dann lebt er die Todesangst aus. Parallel spürt man den Willen zum Überleben, obwohl doch die Fakten dagegen sprechen. Alarm und Aktivität ist seinem Körper zu sehen. Daueralarm auf rot, rot, rot. Entspannung gibt’s nicht. Seine Füße scharren auf dem Teppich. Er ist auf Angriff. Nervös zupft er seine Hose an beiden Knien hoch. Unentwegt. Er ist in Startposition. In Alarmbereitschaft. Hyperaktiv.
Er fegt alle flach.
Der Ton seiner Berichterstattung ist scharf. Kommando-Ton. Derzeit liegen alle Zuhörer mit ihm im Schützengraben. Schwitzend.
Schließlich erschöpfen sich Wut, Zorn, Angst und Alarm in Bitterkeit, dass er das alles erleben musste. Dass man ihm das angetan hat. Die Politiker und das Militär.
„Na ja, was soll’s.“ Der letzte Tropfen wird aus der Flasche geschüttelt. Während sich die Zuhörer betroffen davonschleichen, verfällt er in eine Meditationsstarre. Nachts um drei findet man ihn dann im dunklen Wohnzimmer sitzen, in die Nacht starren. Die Augen sind zu Bunkerschlitzen verengt, getarnt durch das Gebüsch seiner wilden Augenbrauen. Die Gesichtsmimik ist blutleer und regungslos. „Er schläft“, denkt man.
Dieser Mann schläft nicht. Monstermäßig blickt er einen an. Ein böses, ferngesteuertes Gesicht. Jetzt, wo ihn der Krieg eingeholt hat, lebt er ihn. Und das heißt, nachts wird nicht geschlafen. Der Feind kommt nachts.
Die Gefahr und seine Vorsicht an der Front übertrug er auf sein ganzes Leben. Hellwach musterte er die Welt um sich rum. Er schnüffelte Gefahr, wo die anderen wie ahnungslose Trottel an ihr Glück glaubten. Er misstraute der Oberfläche und dem Frieden. Er dachte voraus und schaltete seinen sechsten Sinn ein. Er prüfte und hielt Sicherheitsabstand.

Er konnte sich nicht treiben lassen und entspannen. Er kannte nicht das Gefühl der Sicherheit. Er lebte nicht mit Urvertrauen in den Tag hinein. Er lebte die Kriegstechnik im Alltag: Ziel festlegen, Strategie und Taktik. Gefahren orten und qualifizieren. Alles unter Kontrolle.


Die nächste Generation
Nun hätte man als Kind schlussfolgern können, dass die Kriege vorbei sind. Man hätte ihre Rudimente verdrängen können, wenn da nicht ein neuer Krieg vor das Auge getreten wäre: der Vietnam-Krieg (1961 – 75).
Er zog in die heimischen Wohnzimmer ein und jedes Kind konnte im Fernseher den Krieg live mitverfolgen. Ich beobachtete meinen Vater, wie er aufmerksam und mit Anteilnahme die Reportagen verfolgte. Wir sahen, wie die jungen Soldaten nach Vietnam eingeflogen wurden. Wir sahen die Männer nach einem Angriff, wie sie auf Bahren davongetragen wurden, mit schlaffen Armen.
Aus der Dschungelperspektive schwenkte die Kamera in den Himmel. Ein dickrumpfiges Flugzeug schob sich langsam durch die Sphäre. Weit unten sah man einen feinen Patchworkteppich aus Feldern. Friedliche Aufnahmen. Dann fielen schwerfällige Kartouchen aus dem Bauch des Bombers. Wie fruchtbare Samenkapseln sanken sie nach unten.
„Die Bomben sehen aus wie Flugzeuge ohne Flügel“, dachte ich. „Oder wie ein Schwarm Fische.“
Sie entschwanden dem Blick der Kamera.
Unten auf den Feldern sah man kleine Vulkanausbrüche.
„Das sind die Explosionen“, erklärte mein Vater. „Diese Bombenteppiche habe ich auch erlebt. In der Normandie.“
Bombenteppiche. Das war ein gängiger Fachbegriff.
Ich starrte auf den Teppich unter meinen Füßen. Er hatte ein kompliziertes und feines Muster. Der Teppich war friedlich und geduldig.
Außer dem Perserteppich gab es nun auch den Bombenteppich.
„Wie kann man denn das überleben?“ fragte ich ihn. „Es ist doch Glück, wenn einem die Bombe nicht auf den Kopf fällt.“
„Ja, es ist Glück. Zu überleben ist Glück.“
Der Krieg war keine Erinnerung mehr, er wurde gelebt.
Und die Kriegsmaschine Vietnam wurde selbst in Deutschland sichtbar: Parallel zum Krieg im Fernsehen gab es die Anschauung in der Natur: Im Herbst trainierte die amerikanische Armee ihre Fallschirmspringer in unserer Gegend. Man sah die großen Transportflugzeuge über die leergefegten Hügel propellern. Plötzlich fiel ein Bündel raus, dann ein nächstes, und noch eins. In leichter Schräglage fielen die Soldaten nach unten. Beim ersten Körper züngelte bereits eine Schnur nach oben, an ihrem Ende entrollte sich ein dicker Strang. Jetzt füllte sich die erste Wurst mit Wind und blähte sich pilzförmig auf. Die Fallgeschwindigkeit stoppte, der Mann wurde aus seiner Schräglage gerissen, ausgeruht hing er nun mit leicht geöffneten Beinen an seinem Seil. Über ihm ein riesiges Dach.
Das Flugzeug hatte mittlerweile alle Rekruten ausgespuckt. Sie hingen wie die Perlen an einer langen Kette in der Luft. Ein Fallschirm nach dem anderen war aufgegangen. Langsam schwebten die Soldaten wie Löwenzahnsamen auf die gepflügten Winteräcker.
Natürlich überlegte man als Kind, wie sich die Fallschirmspringer in Vietnam davor schützen wollen, vom Boden aus erschossen zu werden. Sie schwebten doch so langsam wie ideale Zielscheiben vom Himmel. Und was ist, wenn da kein gepflügter Acker ist, sondern Urwald. Wie treffen sie genau zwischen die Bäume?


Das Gedächtnis
Ereignisse drucken ihre Abbilder in das Gedächtnis, die als geschnürte Pakete zeitlebens mitschwimmen. Es sind Mikrokosmen, die gehütet werden wie Beweisstücke für die Wahrheit. Und dann kommt die Zeit, wo diese Beweisstücke, einst hochpoliert und rumgereicht, nicht mehr die Gegenwart beschreiben. Sie rücken zurück in die Archive des Gedächtnis, der Bibliotheken, der überalterten Schulbücher.
Die bleierne Zeit der Nachkriegsautoren lebte unverändert in unseren Lesebüchern weiter. Depression war in den Zeilen zu lesen, Trauer und Todessehnsucht. Es war die Generation meiner Eltern, die nach dem Krieg wie betäubt durch einen Schlag auf den Kopf ihren schmerzerstarrten Schockzustand herausfrästen.
Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger, Günter Eich um nur einige zu nennen.

Die Themen waren kriegsschwer, grau, deprimierend, ohne Freude.
Es waren die Eindrücke der jungen Erwachsenen im Krieg, die ihre Todesbedrohung niemals vergessen konnten: Soldaten an der Front, Überlebensspezialistinnen in bombardierten Städten, Flüchtende und Versteckende.
Der Begriff der „Verlorenen Generation“ war geschmiedet. Und wir waren ihre Kinder.
In ihrem Schatten hieß es Mitleiden entlang ihrer Beweisstücke des Grauens.


 

   
         
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