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Von Deutschland nach Russland

Fahrt an die Front

Köln vor seiner Zerstörung  in 1942. Das flache Gebäude hinter dem Dom ist der Hauptbahnhof.

 

   
   

 

 

Köln Hauptbahnhof
Köln ist eine Schichttorte mit mehreren tausend Jahren Siedlungskultur. Auf ihrer Oberfläche ragen die Stacheln der historischen Lagen zu Tage: sechstausend Jahre alte Werkzeuge, viertausend Jahre alte Gräber, zweitausend Jahre alte Mauern, die die Römer hinterlassen haben. Dann die Häuser und Kirchen aus dem Mittelalter, alle um die tausend Jahre alt. Im Kern der Stadt und nahe am Fluss der „moderne“ Kultbau: der Kölner Dom. Man hatte ihn im 13. Jahrhundert gebaut und brauchte 600 Jahre, um ihn in seiner heutigen Form zu vollenden. Die Kölner waren sich ihrer historischen Vergangenheit bewusst, da man sie nie aus dem Auge verlieren konnte. Ihre Identität schöpften sie aus einer alten Stadtkultur mit mächtigen Herrschern und starken Händlern, genährt durch die Wasserstraße vor der Hautür.

In zwei Monaten würde diese gewachsene Oberfläche aus Kirchen, Stadthäusern, Geschäften, Cafés und Kaufhäusern nicht mehr existieren. In wenigen Stunden würden sie durch Bomben in ihre Einzelteile zerlegt sein.

Aber noch befinden wir uns vor dem großen Schock.
Die Städter lebten bedrückt und naiv vor sich hin.
Der Winter hatte sie ausgelaugt. Noch vor zwei Monaten war der große Fluss vor ihrer Haustüre zu einer arktischen Eislandschaft erstarrt. Die scharfkantigen Eisschollen hatten sich am Ufer übereinander geschoben, als wäre es ein Zeichen aus dem fernen Russland.
In dicken Kleidern waren die Menschen über den stillen Fluss geschlittert und waren bei dem Gedanken, dass ihre Soldaten in dünnen Tuchmänteln in arktischer Kälte kampierten, paralysiert.

Die erwachende Frühlingssonne hatte jetzt das Eis längst zerfressen und der Strom floss in seiner Gleichgültigkeit dahin. Die Straßen pulsierten. Aus der Vogelperspektive erkannte man seine große Quelle. Es war der Kölner Hauptbahnhof. Aus der Luft betrachtet gleicht er einer riesigen Flunder, durch deren Maul das gebündelte Schienennetz im Leib verschwindet um am Hintern als dünner Schienenstrang über die Brücke des Flusses zu verschwinden.  Neben der glatthäutigen Flunder quetscht sich die komplizierte Skulptur des Doms. Seine beiden Türme ragen wie Raketen in den Himmel, die Schäfte sind ausgefranst und rabenschwarz.

Es war der 20. März 1942.

Die Kasernen hatten pünktlich zum Frühling ihre Eleven ausgeschieden. Sie sammelten sich wie Zugvögel auf den Plattformen des Kölner Bahnhofes. Die verschiedenen Waffengattungen trugen ihr typisches „Gefieder“, Rucksack geschultert, Haare kurz geschnitten, junge Gesichter, gute Stimmung und Hallo. Warten auf den Sammeltransporter. Die Soldaten standen in Grüppchen beisammen. Einige kannten sich bereits aus der Ausbildung. Keiner wusste, an welcher Front er kämpfen würde. Alles geheim.

Die Überraschungsreise war organisiert wie eine Schnitzeljagd. Sie begann auf der Sammelstelle am Bahnhof. Hier hockten die Beamten der Wehrmacht hinterm Tresen und verwalteten die Karteikästen.
Clemens legte seinen Wehrpass vor und der Beamte flippte durch die Karteikarten.
Aha.
Er blickte den jungen Mann an. „Sie gehören ab sofort zur 95. Infanterie-Division.“

Eigentlich gehörte Clemens zur 26. Infanterie-Division und dem 78. Infanterie-Regiment. Es war die Heimatdivision der Rheinländer und Münsteraner. Im Moment lag die Division in Rshew, dem gefährlichsten Frontabschnitt vor Moskau. Es war also Glück oder Berechnung, dass er als Neuling nicht an den schlimmsten Krisenherd geschickt wurde.
Der Beamte las dem jungen Kerl die notwendigsten Daten vor:
„Sie reisen mit dem Zug mit der Nummer x, er steht auf Gleis y, fährt dann und dann ab, und sie fahren im Güterwaggon mit der Nummer z.“
„Wohin geht die Fahrt?“, fragte Clemens neugierig.
„Keine Ahnung“, war die Antwort, „aber es geht in Richtung Osten.“
Damit war die Katze aus dem Sack. Es ging nach Russland. Dem jungen Soldaten fiel das Herz in die Hose. Sein großer Bruder lag bereits tot irgendwo bei Minsk.

Ablenkung. Er blickte auf den Zettel mit den nötigen Daten und suchte nach der entsprechenden Plattform.
„Jean?“ Clemens entdeckte einen Freund aus seiner Rekrutenzeit.
Mit Jean hatte er es bis zum Ende der Ausbildung geschafft.
Sie verglichen ihre Papiere. Sie gehörten zwar zur gleichen Division, aber zu unterschiedlichen Einheiten. Jede Einheit war auf eine bestimmte Waggonnummer verteilt. Angeblich würde ein erfahrener Soldat mitfahren, um die Gruppe bis zur Front zu begleiten.


Spannung, Nervosität und Unbehagen erfüllten die jungen Männer, die sich trotz der überfüllten Bahnsteige alleine vorkamen. Warten. Beobachten. Rumhorchen.

Die Lokomotive fuhr ein.
Unzählige Güterwaggons rollten in den überdachten Bahnhof.
Aufmerksam verfolgten die Soldaten die Nummern der Waggons.
Der Transporter kam zum Stehen. Waggontüren wurden aufgeschoben und Soldaten kletterten in die leeren Container.
Auf dem Bahngleis Gedränge der suchenden Soldaten.
Irgendwann Signale der Abfahrt. Die Lokomotive puschte die lange Wagenkette aus dem Bahnhof raus.
Kölle adee.

Die Rolltüren blieben etwas geöffnet, um im Geiste die intensiven Bilder des Abschieds zu verewigen: Die genietete Stahlkonstruktion des Kölner Hauptbahnhofs, die vielen Gleise, der mächtige Dom neben dem Bahnhof, die starke Rheinbrücke und der Fluss.
Die Reise ins Ungewisse begann. Voyage surprise.

 

Im Zug
Möller war Mitte zwanzig, forsch, witzig und sympathisch. Er stammte aus Dorsten, einer Kleinstadt im Ruhrgebiet. Er kümmerte sich um die Frischlinge, damit sie den Weg bis an die Front fanden. Er wusste auch nicht, wo es hingehen sollte, aber er hatte einen riesigen Vorteil gegenüber den Novizen: Möller war schon im Krieg gewesen.  Möller war ein Insider. Deshalb genoss er automatisch Respekt, als er sich bei den Jungs als ihr Gruppenführer vorstellte.

„Wissen Sie, wo wir eingesetzt werden?“ war die erste Frage an ihn.
„Nein, das wissen wir erst, wenn wir angekommen sind.“
„Wie lange fährt man bis nach Russland?“
„Einige Tage wird es schon dauern."
“Was, einige Tage?!"
Die Jungs saßen auf den Bretterbohlen des Güterwaggons und witzelten über den Kommentar. Sie hatten ihre Zeltplanen und Mäntel ausgebreitet und nutzten die Rucksäcke als Kissen.

Noch war das Umfeld vertraut. Düsseldorf, Essen, Bochum, Dortmund. Es war das heimische Ruhrgebiet, aus dessen großen Bevölkerung die Wehrmacht viele Divisionen bestückte.
Der Zug hielt an den Bahnhöfen, um neue Soldaten aufzunehmen. Die Unruhe in den Waggons legte sich erst, als der Zug durch das langatmige Westfalen rollte. Im Vergleich zum Ruhrpott war es hier dünn besiedelt und der Zug brauchte nur gelegentlich zu halten.
(Unteroffizier Möller, fotografiert 1943 in Köln. CP)

Die Vollblutwestfalen unter den youngstern waren ein völlig anderer Schlag als die rheinischen Kollegen. Die Rheinländer hatten das Naturell von Partycrackern in schlanker, agiler Statur während die Westfalen eher den schwerfälligen Geschützen glichen, die ihre verbale Munition langsam luden, aber ihren Gegner durchaus mit einem einzigen Kracher versenken konnten. Um es mit Bildern aus der Tierwelt zu illustrieren: Hier hockte ein Rudel aus quirligen Mungos mit schweren Krokodilen zusammen. Sie alle stammten aus dem Wehrkreis VI mit Münster als Zentrum. Geografisch schloss er die unterschiedlichsten Mentalitäten aus dem nordwestdeutschen Raum zusammen.

Der Zug rollte in mäßiger Geschwindigkeit dahin. Die Waggontür stand einen Spalt weit offen und die Jungs starrten in die Landschaft. Leer gefegte Äcker, kahle Bäume, gelegentlich Schnee. Der erste Hunger stellte sich ein. Auspacken der belegten Brote. Ein letzter Duft von zu Hause. Die Nerven beruhigten sich. Einer packte Spielkarten aus und die Kenner von Schafskopf, Doppelkopf und Skat waren über Stunden lautstark beschäftigt. Das Eis war gebrochen.

Plötzlich hielt der Zug mitten in der Landschaft an. Möller rollte die Schiebetür auf und sprang raus. Neugierig kletterten die Jungs aus dem Waggon. Es war weit und breit kein Gebäude zu sehen, dafür aber eine lange Kette von Plumpsklos in  freier Natur. Die berühmten Donnerbalken. Toilettenpapier gab es nicht und das erste Briefpapier ging fürs größere Geschäft drauf. Am besten noch etwas trockenes Gras in den Hosentaschen bunkern für die Zukunft. Beine vertreten und weiter ging die Fahrt. Dann stoppte der Zug an einem Bahnhofsgebäude, damit die Männer ihre Feldflaschen auffüllen konnten.  Schnelle Körperpflege. Weiterfahrt.

Hannover. Magdeburg. Berlin.

Man war mittlerweile 600 Kilometer in den Osten gereist und spürte das kontinentale Klima. Die Luft war bedeutend kälter als in Köln und die Jungs wärmten ihre Lungen mit Zigaretten. Langeweile kam auf. Erstes Gejaule über den harten Fußboden.

Irgendwann fielen die Männer gut zusammen gerollt in Mantel und Zeltplane in den Schlaf. Langsam glitt der lange Güterzug durch die Nacht.                         

Polen
Die Soldaten waren seid vielen, vielen Stunden unterwegs. 1200 Kilometer lagen hinter ihnen. Im frühen Morgenlicht erreichten sie Warschau, die Hauptstadt von Polen.
Zum ersten Mal in ihrem Leben wurden die Neulinge mit dem Krieg konfrontiert: Die Häuser waren zerschossen und die Brücken zertrümmert. Der breite Strom wand sich in erstarrtem Eis durch die leblose Stadt. Die langen Arme der fantastischen Brücken waren amputiert. Schweigend starrten die Frischlinge in eine erfrorene Stadt, die ausgeweidet und erledigt dar nieder lag. Ja, hier hatte der Krieg Hand angelegt. Er war weiter gezogen und die jungen Kerle waren ihm auf der Spur. Wann würden sie seine Front erreichen, dem Zentrum der Zerstörung?  Und was war hier passiert?

Vor zweieinhalb Jahren hatte die Wehrmacht Polen angegriffen und ihre Hauptstadt nach allen Regeln der Kriegskunst zerlegt: Strategische Luftangriffe, Artillerie und Mann gegen Mann.
Die Polen hatten kapituliert. Hunderttausend polnische Soldaten gingen in deutsche Gefangenschaft. Viele Zivilisten waren tot. Dann begann die völlige Unterwerfung der Stadt: Vernichtung der Juden und des polnischen Widerstandes.

Was jetzt die unerfahrenen Soldaten aus ihren geöffneten Waggontüren sahen, war eine zerschossene Fassade, die nichts war im Vergleich zu der Zerstörung der Menschen dahinter. Das was die Frischlinge sahen, lag meilenweit entfernt von dem, was sich in der Stadt abspielte. 
     


Warschau: Gesprengte Eisenbahnbrücke über die zugefrorene Weichsel. März 42. Foto CP.

 

Weißrussland
Erst die fremden Schriftzeichen in den regionalen Bahnhöfen ließen die Reisenden vermuten, dass es sich um einen anderen Staat handelte. Es war Weißrussland, ein Binnenstaat zwischen Polen, Litauen, Lettland, Russland und Ukraine.

Die Landschaft war ähnlich wie die in Ostpolen: eine große Ebene mit lang gestreckten Hügeln, den Endmoränen aus der Eiszeit. Die vielen Flüsse wanden sich in ihrem wilden Verlauf durch die Landschaft und schwemmten in den Ebenen die Erde zu weiten Sümpfen und Morasten auf. Nie hatte hier der Mensch Hand angelegt, um die urigen Wasserläufe zu zähmen. Dafür hatte es nie Bedarf gegeben, da es genug sicheren Boden für die wenigen Menschen auf dem Land gab.

Jetzt verdeckte der Schnee die Einzelheiten der Natur. Das Farbenspiel glich einem Schwarz-Weiß-Film mit einer leichten Tönung ins Grau und Braun. Gelangweilt starrten die Jungs aus dem Spalt, den die Tür freigab.
Plötzlich verlangsamte der Zug seine Fahrt.
Er kam zum Stillstand.
Schnell schoben die Soldaten die Schiebetür zur Seite und sprangen auf die Gleisböschung. Sie kannten mittlerweile das Ritual: Der Zug hielt ohne ersichtlichen Grund mitten in der Natur an. Gelegentlich gab es hier ein Haus oder eine einfache Bahnstation. Sie nutzten die Pause, um sich die Beine zu vertreten.

Clemens hatte einen Wasserhahn entdeckt, aus dem trotz der Frostkälte frisches Wasser rann. Flink füllte er seine Feldflasche und begann sich zu waschen. Das Wasser war eiskalt und brachte seine Hautporen zum Erstarren.

„Cle!“, ein ganzer Chor von jungen Männerstimmen brüllte seinen Namen.

Erschrocken drehte sich Clemens um und sah den Zug anrollen. Seine Freunde lehnten sich aus der geöffneten Waggontür und winkten ihm aufgeregt zu. Flink raffte er seine sieben Sachen zusammen und rannte dem Zug hinterher. Er sah all die vielen Köpfe aus den Waggontüren starren und hörte, wie sie ihn anfeuerten.
Sportlich wie er war, erreichte er noch den letzten Anhänger und sprang durch die geöffnete Schiebetüre. Ein Pulk fremder Jungsoldaten half ihm hoch. Es war ein Gaudi für alle. Was für ein Gejohle! Allein die Vorstellung, den Zug zu verpassen und verlassen in der Prärie zu stehen, ließ die Frischlinge aufgeregt durcheinander schwatzen. Es war die Aufregung des Tages.

Beim nächsten Stop raste Clemens nach vorne zu seinem „Heimatwaggon“, wo ihn seine Horde glücklich empfing. Hier entzündete sich das Gelache von neuem. Sie waren alle noch so unbekümmert. Was bedeutete für sie Krieg? Gar nichts. Sie hatten ja keine Erfahrung. Die Fahrt nach Russland betrachteten sie nicht als eine Fahrt in den Tod, denn für eine Voraussicht fehlte ihnen die Erfahrung. Zudem verbot der Lebenswille jeglichen Gedanken ans Sterben. Man würde in jedem Fall der last-man-standing sein.

In Ermangelung philosophischer Erschütterung rankte sich der Protest um banale Erschwernisse. Sie moserten über den harten Waggonboden oder ärgerten sich, dass sie die Ration zu früh aufgegessen hatten. Stundenlang wurde Karten gespielt.
Dann trat Erschöpfung ein. Schließlich Langeweile, untermalt von dem tagelangen Ruckeln der Eisenbahn. Spannungen traten auf.
Letztendlich half nur die Selbstdisziplin, das unveränderliche Schicksal zu ertragen.

  

Minsk
Seit 1750 Kilometern saßen und lagen die Soldaten auf den Holzbrettern. Durch die leicht geöffnete Wagontür sahen sie flache Landstriche, wenig Bäume, selten Ortschaften vorbeiziehen, alles mit Schnee überzogen, triste Winterfarben in grau. Interessant wie es war, war es jedoch nicht genug, um ein Bild von Russland zu gewinnen, außer es ist sehr, sehr groß.

„Wir werden in Minsk aussteigen und dort neuen Befehl erhalten“, erklärte Möller. Das klang ungemein aufregend, denn zum ersten Mal würden die Soldaten ihre Fahrt unterbrechen und eine Stadt im Ausland kennen lernen.  

Minsk. Der Name klang in den Ohren der jungen Soldaten vertraut. Sie wussten, dass im letzten Sommer die Wehrmacht die ostpolnische Stadt Bialystok und die weißrussische Hauptstadt Minsk eingenommen hatte. In der Wochenschau hatte man den Einzug der deutschen Truppen in die Stadt Minsk miterlebt. Man erinnerte sich an zerschossene Häuser und letzte Flammen, die das Holz auffraßen.

Was war seitdem geschehen?
Die Wehrmacht hatte ihren Verwaltungsapparat in der Stadt aufgebaut, um von hier aus die Heeresgruppe Mitte zu steuern. Ihre Divisionen waren längst weiter in den Osten gezogen.
Kurz nach der Übernahme der Stadt waren die Killerkommandos eingereist. Sie gehörten nicht zur Wehrmacht, sondern zum Polizeiapparat, den Himmler befehligte. Die Einsatzgruppen kasernierten alle Juden von Minsk in einem umzäunten Stadtteil und deportierten sie nach und nach in die Konzentrationslager im Westen. Die Killer versuchten im Abseits zu morden.

All die Wehrmachtssoldaten, die durch Minsk an die Ostfront geschleust wurden, hatten davon keine Ahnung. Dennoch wird den Soldaten, die in der Stadt stationiert waren, das Ghetto nicht entgangen sein. War der Krieg bereits ein brutales Schafott für Soldaten und Zivilisten, so war die Judenvernichtung eine Schlachtbank, zu der man keine Worte mehr findet.

Minsk war eine alte Handelsstadt, die mal einheimischen Fürsten, dann litauischen und polnischen Königen und später dem russischen Zaren gehört hatte. Die Schweden waren durchgezogen und auch Napoleon mit seiner Grande Armée. Im Ersten Weltkrieg hatten es die Deutschen ebenfalls bis Minsk gebracht. Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk zwischen den Mittelstaaten und Russland hatte zum Rückzug der Deutschen geführt. Damit war Russland aus dem Krieg ausgeschieden und die Kommunisten bündelten ihre Kraft, um dem Land eine kommunistische Gesellschaftsstruktur zu verpassen. 1922 Gründung der Sowjetunion.

Weißrussland war ein sowjetischer Staat geworden und Minsk hatte sich in den letzten 18 Jahren zu einem industriellen Zentrum entwickelt. Die Fabriken waren spezialisiert auf den Bau von Traktoren, Fahrzeugen und Maschinen.  

Der Hauptbahnhof von Minsk war ein stattliches Gebäude im internationalen Stil des Westens. Er diente als Drehscheibe für durchreisende Soldaten. Möller machte sich bei der Kommandantur kundig und lieferte die Botschaft an seine Gruppe weiter: „Wir bleiben zwei Tage hier und übernachten im Bahnhof. Es gibt Schlaf- und Waschräume. Übermorgen erfahren wir unsere nächste Etappe.“ Geduldig trabte die Gruppe in ihre Unterkunft.

„Ich muss mal zur Militärverwaltung“, entschuldigte sich Clemens. „Familien-angelegenheit.“
„Ist in Ordnung.“
Clemens kreuzte durch das Bahnhofsgebäude und betrat das Büro der Militärverwaltung. Hier saß ein Beamter, um den Soldaten mit Auskunft behilflich zu sein.
„Was kann ich für Sie tun“, fragte er höflich.
Clemens packte seine Geschichte aus, die er während der ganzen Reise mit sich rum geschleppt hatte:
„Mein Bruder ist im Juni letzten Jahres vor Minsk gefallen. Gibt es einen Soldatenfriedhof, auf dem ich sein Grab besuchen kann? Ich möchte gerne Blumen hinlegen.“
Dem Beamten fiel das Lächeln aus dem Gesicht. Hier stand ein blutjunger Kerl auf seiner ersten Fahrt zur Front und fragte nach dem Grab seines Bruders.
„Es gibt leider keine Friedhöfe der Gefallenen“, bedauerte er. „Es gibt nur einige kleine Gedenkstätten vor der Stadt. Aber dort werden Sie Ihren Bruder nicht finden. Es tut mir sehr leid.“ Das Bedauern kam von Herzen. Was hätte er dem jungen Mann sagen sollen? Die Wahrheit? Dass die Toten irgendwo verscharrt lagen? Ohne Kreuz und Inschrift?
Während sich der Beamte hinter einer verschlossenen Mimik verkroch, stand Clemens unverrichteter Dinge da. Frustriert verließ er das Büro und kehrte zu seiner Gruppe zurück.

„Haben Sie was erreicht?“, fragte Möller mit Anteilnahme.
„Nein.“
„Kommen Sie, wir machen einen Ausflug durch die Stadt. Das lenkt Sie ab.“
Die Gruppe schritt raus auf die Straße. Es herrschte nasskaltes Wetter und die Männer tippelten mit den Händen in den Hosentaschen entlang der Häuserreihe. Die Straßenränder waren von hohen Schneebergen gesäumt und auf den leicht befestigten Straßen staute sich das erste Schmelzwasser. Langsam trottete ein Pferd mit Karren durch die Pfützen, ein LKW pflügte durch den Schlamm und Transporter parkten am Straßenrand.
Die ehemals gemütliche osteuropäische Stadt hatte durch den Krieg schweren Schaden genommen: Dächer waren eingestürzt, Fenster zerborsten, Häuser durch Brand entkernt. Der Charme war dahin. Die Winterkälte mit Schneefetzen auf Straßen und Häusern gab der ehemals schönen Stadt die letzte Tristesse.
Überall auf den Straßen lagen zahllose Schrauben und Ersatzteile herum; das hatte Clemens in Deutschland noch nie beobachtet. Konnte es sein, dass das Material von deutschen Fahrzeugen stammte, abgefallen durch Vibration und Belastung? Tatsächlich krepierten viele deutsche Fahrzeuge einschließlich Panzer an den langen Distanzen und Extremtemperaturen.

Am nächsten Tag wanderte Clemens alleine durch die Stadt. Die Häuser schienen verlassen. Immer wieder Kriegsschäden. Nur wenige Zivilisten und deutsche Soldaten belebten die Straßen. An Kreuzungen standen Holzmasten, die von oben nach unten mit Hinweisschildern tapeziert waren: „Ortskommandantur“, „Lazarett“, usw.
Trotz der Vergewaltigung war die Stadt schön. Immer wieder wunderbare Kirchen. Clemens betrat ein Gotteshaus. Im Innern ein weißer quadratischer Raum. Seine Wände waren zugepflastert mit vergoldeten Ölbildern, in deren Zentrum das Gesicht eines Heiligen schwebte. Welch Ruhe und Innigkeit. Beeindruckt wanderte Clemens von einer Ikone zur nächsten. Tiefe Verbundenheit zum göttlichen Kosmos sprach aus ihnen. Er war gerührt.
„Haben sie uns nicht glauben machen wollen, dass die Kommunisten alle Kirchen zerstört hatten?“, überlegte Clemens. Er erinnerte sich an die Wochenschau, in denen ein unterentwickeltes und kirchenfeindliches Russland dokumentiert worden war.

Irritiert verließ er das stille Paradies und betrat wieder die winterkalte Kriegsrealität. Auf dem Weg zurück zum Bahnhof erkannte er ein Industriegebäude, das eine Fabrik zu sein schien.
„Mal sehen, wie die Technik der Russen aussieht“, beschloss er und betrat das Gebäude. Die benagelten Stiefelsohlen erzeugten das einzige Geräusch: Klack, klack, klack. Schweigend menschenleere Halle. Nur die eisernen Maschinen warteten in Reih und Glied auf ihre Meister. Clemens trat näher heran. Er traute seinen Augen nicht: Es waren hypermoderne Drehbänke und Maschinen. Auf manchen erkannte er die Firmenzeichen deutscher Hersteller. Er strich über die Maschinen. Er liebte Technik. Bei genauem Hinsehen erkannte er, dass die Russen sämtliche Kugellager zerstört hatten. Dadurch waren die kostbaren Maschinen wertlos geworden.

„Russland ist unterentwickelt“, hatte es in der Wochenschau geheißen. „Es ist ein Bauernland, das die Kommunisten unterdrücken.“ Schon damals hatte er skeptisch auf die Filme reagiert, denn er hatte zu Hause Russen kennen gelernt, die fließend Deutsch sprachen und fachkundig moderne Maschinen bei den deutschen Herstellern gekauft hatten. Sie waren sehr gebildet gewesen und entsprachen dem Bild, das sich vor seinen Augen ausbreitete: industriell hoch stehend und westlich angepasst.
„Was erzählen die uns eigentlich in Deutschland“, murrte er insgeheim.
Man war jung und nie raus gekommen aus dem Land. Die politische Propaganda dominierte die öffentliche Meinung. Wie konnte man wissen, was auf einem anderen Planeten stattfand?
 


Spaziergang durch Minsk, März 1942. Foto CP.


Russland
Alles, was von seinem toten Bruder übrig geblieben war, trug er in seiner Jackentasche. Es war ein Miniwörterbuch zum Russischlernen. Die Kolonne der deutschen Wörter begann bei A und hörte bei Z auf. Wie will man denn damit kommunizieren? Er pickte sich ein paar Wörter raus, die ihm gerade Sinn verschafften: „gollod“ - Hunger, „chljäb“ – „Brot“, „wintowka“ – Gewehr. Das klang nach Winnetou und die Eselsbrücke war hergestellt.
Mehr und mehr vertiefte er sich in eine neue Welt der Wortklänge. Gelegentlich starrte er aus dem rollenden Zug in die Landschaft. Stille, Schnee, kahle Bäume, kaum Ortschaften. Dann nach vielen Stunden die nächste große Stadt: Smolensk.

„Lasst uns mal nachfragen, wie unser nächstes Ziel lautet“, Möller an seine Gruppe. Zusammen stiefelten sie zur Kommandantur im Smolensker Bahnhof. Kontrolle der Ausweise und dann zog der Meister den Hasen aus dem Hut:
„Brjansk“.
„Wo ist das denn?“
Warum gab es eigentlich keine Landkarte?

Die Gruppe stieg in einen neuen Güterwaggon um. Die Fahrt ging weiter in Richtung Osten, sprich Moskau. Plötzlich bog der Zug scharf nach Süden ab. Richtungswechsel! Ging es jetzt in den Kaukasus?
Gelegentlich hielt der Zug an Bahnhöfen an, um Soldaten auszuladen und andere Männer an Bord zu nehmen. Neugierig suchte man nach den deutsch geschriebenen Ortsnamen. Einige kamen einem irgendwie bekannt vor aus der Wochenschau. Die Jungs warfen ihr rudimentäres Wissen zusammen, um daraus eine innere Landkarte zu basteln, gepaart mit den Eindrücken aus dem Güterwaggon oder später an der Front. Die innere Weltkarte würde niemals sterben, selbst wenn Dekaden später die Demenz am Gehirn nagt.

„Möller, warum schiebt die Lokomotive vier leere Waggons vor sich her?“
Einer der jungen Kerle hatte beobachtet, dass vor der Lokomotive etliche Güterwagen vorgespannt waren, die niemals beladen wurden, obwohl die anderen Waggons mit Soldaten und Material voll gestopft waren.
„Gut beobachtet“, staunte Möller. „Das ist eine Vorsichtsmaßnahme gegen Minen, die die Partisanen an den Gleisen anbringen.“
Die Frischlinge spitzten die Ohren.
„Wenn der Zug über eine Mine fährt, dann werden nur die ersten leeren Waggons in die Luft gejagt und die Lokomotive bleibt heil.“
Das kalte Grausen kroch den Jungsoldaten den Rücken hoch.
„Meistens entgleisen die Züge und entsprechend hoch sind die Schäden.“
„Was will man gegen Partisanen machen?“, fragte ein Soldat.
„Man kann nicht viel gegen sie unternehmen, weil das Land zu groß ist“, erklärte Möller. „Unsere Züge fahren unregelmäßig, damit sich die Partisanen nicht darauf einstellen können, wenn ein Zug kommt. Oder im Wald sind die Bäume rechts und links der Gleise abgeholzt, damit man freie Sicht behält. Manchmal werden auch Posten aufgestellt, um Partisanen fern zu halten.“
Man roch den Krieg  und Unbehagen verpestete den Raum.

Es gibt eine Streckennetzkarte der Reichsbahn in Russland, die die Überfälle der Partisanen und feindlichen Luftwaffe im Sommer 1943 markiert. An manchen Punkten hatte der Gegner bis zu neun Mal zugeschlagen. Es ist nicht schwer, sich den Schaden an Material und Mensch vorzustellen. Das Zugfahren war gefährlich.
 


Anschläge der Partisanen und der russischen Luftwaffe auf deutsche Züge und Gleise in Russland im Juli 1943.

 



Deutscher Güterwagon nach Bombeneinschlag. http://www.260id.de

 

Die ersten Russen
Die Männer starrten in die weiße Landschaft. Sie befanden sich irgendwo hinter Orel. Einer pinkelte im Stehen aus der geöffneten Tür. Endlich mal eine Abwechslung.

Wie so oft in der Vergangenheit verlangsamte der Zug plötzlich seine Fahrt und kam ruckend zum Stehen. Dieses Ritual kannte man bestens. Waggonstüren auf und raus in den Schnee. Etwas quatschen, man fror an den  kurz geschorenen Schädeln, Zigarettchen an, Schultern hochgezogen.

Plötzlich tauchten aus dem Nichts zwei kleine, dick vermummte Gestalten auf. Es waren zwei Jungs im Alter von vielleicht acht und zehn Jahren. Sie trugen abgewetzte wattierte Jacken und Hosen, primitiv zusammen gehalten mit Stricken und Lederriemen. Auf dem Kopf pelzgefütterte Kappen mit Ohrenklappen, die wie Hundelauscher runter hingen. Freundlich nahmen sie Kontakt mit den deutschen Soldaten auf, die wie neugierige Spatzen an der Reling des Waggons standen und sich über die Abwechslung freuten.

„Willst Du eine Zigarette?“, fragte ein Soldat und hielt dem Jungen seinen angezündeten Stängel hin. Der Bursche griff zu und paffte einige Züge.
(Foto von besagter Szene. CP. 1942)

Altersmäßig lagen die beiden Seiten gar nicht so weit auseinander. Die Erinnerung an die eigene Kindheit war frisch und dominierte das bisschen Erwachsensein. Insofern flachsten beide Seiten unverklemmt daher. Verständigen konnten sie sich natürlich nicht.

Was wollten diese Bürschchen?
Waren sie kleine Scouts, die Infos für die Partisanen sammelten? Oder neugierige Jungs, die von den Ausländern Zigaretten schnorren wollten?

Wie auch immer. Es war die erste Begegnung mit Russen!

Die Lokomotive ächzte vorwärts und die Soldaten sprangen zurück in die Waggons. Man wusste einfach nicht, wo man war. Jetzt mitten im russischen Nirgendwo fieberten sie mit Ängsten der Realität entgegen. Es gab nur ein untrügliches Zeichen, dass man sich bedenklich nah seinem Frontabschnitt näherte: Die Kette der Güterwaggons war immer kürzer geworden. Irgendwann würde auch ihr Waggon an einem kleinen Bahnhof abgehängt werden.

Schließlich versandeten die Gleise an einer einsamen kleinen Bahnstation.
Prellbock.
Ende.

 


Soldaten der 95. ID holen die Frischlinge vom Bahnhof in Kolpna ab, um sie durch das Divisionsgebiet in ihr Trainingslager hinter der Front zu führen. Die Pferde ziehen Schlitten, auf denen die Soldaten ihre Tornister und das Sturmgepäck ablegen. Bis zur Front sind es rund 20 Kilometer gen Osten. Ende März 1942. Foto CP.

 

 

 

 

 

 

   
         
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